Ganz normal

Gehörlose Menschen gehören bei der Steinhaus GmbH in Remscheid-Lennep seit über 20 Jahren zur Belegschaft

Kommuniziert wird mit Gebärden und Mimik, mal laienhaft, mal in korrekter Gebärdensprache, und mal reicht einfach Lippenlesen. Bei Steinhaus verstehen sich hörende und gehörlose Mitarbeiter, sowohl was die Verständigung als auch das Miteinander betrifft. Und damit die gehörlosen Mitarbeiter in keinem Bereich benachteiligt sind, sind in der betrieblichen Organisation alle hierfür notwendigen Voraussetzungen verankert.

Anna Nieslony, Jürgen Burkard und Sali Meta sind gehörlos. In ihrem Arbeitsalltag beim Braten-, Wurst- und Pasta-Spezialitäten-Hersteller Steinhaus spielt ihre Behinderung keine Rolle. Sie machen die gleiche Arbeit wie ihre hörenden Kollegen – Anna in der Verpackung, Jürgen und Sali in der Konfektionierung.

Sie haben den gleichen Informationsstand wie alle, und die Verständigung mit ihren Kollegen klappt gut. Gestik und Mimik sind auf beiden Seiten eingespielt. Einige ihrer Kollegen, Vorgesetzten und Schichtleiter haben sogar zwei Tage an einem Gebärdensprachen-Seminar teilgenommen. Betriebsratsvorsitzender und Sicherheitsfachkraft Stefan Mallwitz erzählt: „Unsere gehörlosen Kollegen haben keine Berührungsängste und sind komplett in ihren Teams integriert. Sie sind sehr loyal und hoch motiviert. Bei der Arbeit leisten sie 120 Prozent.“

Keine Informations- undKommunikationsdefizite
Bei allen wichtigen Gesprächen wie Schulungen, Unterweisungen, und Personalgesprächen greift das Unternehmen auf professionelle Unterstützung von Gebärdensprachendolmetschern zurück. Stefan Mallwitz: „Die Dolmetscher werden vom Integrationsamt gestellt. Sie sind immer dann dabei, wenn es um ganz detaillierte Sachverhalte geht, die exakt kommuniziert werden sollen.“
 So übersetzen sie auch bei den Arbeitsplatzbefragungen im Rahmen der Gefährdungsbeurteilung sowie beim monatlichen Gespräch, das die Abteilungsleiter mit ihren gehörlosen Mitarbeitern und der Schwerbehindertenbeaufragten Nathalie Ruggeri führen. Nathalie Ruggeri erläutert: „Unsere gehörlosen Kollegen schätzen diese Gespräche sehr. Hier können sie Dinge in aller Ruhe besprechen, auch wo vielleicht der Schuh drückt.“ Auch das betriebliche Notfallsystem ist auf die gehörlosen Mitarbeiter eingestellt. Beim Betreten des Arbeitsbereichs geht ihr erster Griff automatisch zum Vibrationsmelder. Dieses Gerät in der Größe einer Zigarettenschachtel tragen sie während der Arbeit am Körper. Wird die Brandmeldeanlage ausgelöst, erhalten sie ein Signal und wissen, dass sie den Arbeitsplatz sofort verlassen müssen. Auch diese Ausstattung übernimmt das Integrationsamt genauso wie behindertengerechte Umbauten von Maschinen.

Barrieren bei Berufsausbildung
Zurzeit arbeiten fünf gehörlose Menschen bei Steinhaus. Stefan Mallwitz: „Wir sind daran interessiert, weitere zu beschäftigen.“ Er kann nicht verstehen, dass Betriebe immer noch Ausgleichsabgaben zahlen, weil sie keine Menschen mit Behinderungen beschäftigen. Mallwitz: „Es gibt viele Menschen mit Behinderungen, die sehr engagiert und motiviert arbeiten. Und die finanziellen Mittel für eventuelle Arbeitsplatzanpassungen sind ja vorhanden, sie müssen beim Integrationsamt beantragt werden. Das erfordert natürlich etwas Arbeit. Und auch eine Schwerbehindertenvertretung ist unverzichtbar. Unsere Erfahrung ist: Was man als Betrieb an Engagement reinsteckt, bekommt man an Leistung und auch menschlich doppelt und dreifach zurück.“ Verbesserungswürdig sind für Stefan Mallwitz die Möglichkeiten der Berufsausbildung für gehörlose Jugendliche: „Das müsste viel mehr gefördert werden. Oft scheitert es an den Mitteln und daran, dass es für die Schule keinen Gebärdensprachendolmetscher gibt.“ Nur ein gehörloser Auszubildender hat bislang bei Steinhaus erfolgreich eine Lehre durchlaufen. Auch hier dürften es gerne mehr werden, wenn man auf der schulischen Seite mitzieht.

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